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Sehnsucht nach Salem Drucken
Dienstag, 22. April 2008

Nach dem gewaltsamen Tod eines 19jährigen in Stolberg wehren sich Familie und Freunde des Opfers gegen die Vereinnahmung durch Neonazis. Doch der Mythos vom Mord an einem „Kameraden“ hat sich längst verselbstständigt und zieht bundesweit Kreise.

 

Es ist ein skurriles Spektakel, das sich am 12. April in Stolberg (Kreis Aachen) abspielt. Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich zu einem „Gedenkmarsch“ versammelt. Von diesem Anlass ist nicht viel zu spüren. Die Stimmung unter den etwa 800 Teilnehmern ist aggressiv, insbesondere im Block der so genannten „Autonomen Nationalisten“. Demonstranten liefern sich Rangeleien mit der Polizei, es wird mit Leuchtspur-Munition geschossen und mit einem Böller auf Journalisten geworfen. Die „Kameradschaft Aachener Land“ droht auf einem Transparent: „ ... auch ihr habt Namen und Adressen“. Neben dem Schriftzug ist ein Pistolenschütze abgebildet. Dass mancher Teilnehmer des Aufmarsches diese Botschaft durchaus wörtlich meint, zeigt sich, als die Polizei Waffen – darunter Zwillen, Messer und eine Axt – sicherstellt. 31 Neonazis werden von der Polizei vorläufig festgenommen. Als Organisator der Hass-Demonstration trat nach außen hin die „Aktionsgruppe Rheinland“, ein regionaler Zusammenschluss von NS-Grüppchen und Einzelpersonen aus dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ auf. Anmelder und Versammlungsleiter ist jedoch der Hamburger Christian Worch. Als Redner treten u.a. der Dortmunder Dennis Giemsch und der stellvertretende Landesvorsitzende der NPD NRW, Claus Cremer, ans Mikrofon.

Vorwand für die bislang größte Neonazi-Demonstration in der Region Aachen ist der Tod von Kevin P., der wenige Tage zuvor in Stolberg erstochen wurde. Der 19jährige Berufsschüler aus der Nachbarstadt Eschweiler war in der Nacht vom 4. auf den 5. April in eine Auseinandersetzung mit anderen Jugendlichen geraten. Er befand sich in Begleitung einer jungen Frau und des 17jährigen Stolberger NPD-Mitglieds Timo S., der zuvor die Jahreshauptversammlung des Aachener NPD-Kreisverbandes in der Gaststätte „Klimbim“ besucht hatte. Dieser Kontext und der Umstand, dass der mittlerweile gefasste mutmaßliche Haupttäter – ein ebenfalls aus Eschweiler stammender 18jähriger -  eine Migrationsbiografie besitzt, führte dazu, dass schnell das Gerücht von Mord an einem „Nationalisten“ die Runde machte. Diese Legende wurde bereits in der Tatnacht von dem Dürener NPD-Kreisvorsitzenden Ingo Haller in die Welt gesetzt. Per E-Mail verbreitete er die Nachricht, ein „Kamerad“ sei von „4 Türken getötet“ worden und rief zu einer „Mahnwache“ auf. Schon wenige Stunden später marschierten 160 Neonazis in der Kupferstadt auf. Dies zeigt, dass die regionale Szene ein zugkräftiges Thema gefunden hat. Zwar sind die Neonazis im Aachener Raum sehr aktiv, aber an der letzten neonazistischen Demonstration in der Region nahmen im Februar in Düren gerade einmal 56 Personen teil. Nun schwappt die Welle von Stolberg über.

In verschiedenen Regionen und sogar in den Niederlanden gab in den Tagen nach der Bluttat zahlreiche Flugblattaktionen sowie größere und kleinere Kundgebungen und Demonstrationen neonazistischer Gruppen, die auf den Vorfall von Anfang April Bezug nahmen.

Derweil gehen die Strafverfolgungsbehörden davon aus, dass das Verbrechen keinen politischen oder rassistischen Hintergrund hatte. Ausschlaggebend seien „persönliche und private Gründe gewesen, die bereits in vorangegangenen Disputen zu Tage getreten“ sein sollen, erklärte der Aachener Oberstaatsanwalt Robert Deller gegenüber der Stolberger Presse. Und die Eltern beteuern, das Opfer sei kein Rechter gewesen: „Hört auf, über unseren Sohn zu lügen!“ appellierten sie an die Neonazis. Doch diese missbrauchen den Toten weiterhin unbeeindruckt für ihre Hetze auf dem Rücken der Angehörigen und Freunde des Opfers. Auf Sonderseiten und Videos im Internet wird weiter fleißig am Bild des Märtyrers gestrickt. Das Tatmotiv spielt längst keine Rolle mehr. Denn die NPD und andere Neonazis haben das Potenzial des Vorfalls in Stolberg erkannt und nutzen es geschickt als Vehikel für ihre rassistische Propaganda. Nach Lesart der Partei handelt es sich um eine „inländerfeindliche“ Tat als Resultat der „multikriminellen Gesellschaft“. Sicherlich schielt insbesondere die örtliche NPD mit ihrer Stimmungsmache schon auf die nächsten Kommunalwahlen, die im Juni 2009 stattfinden. Stolberg gilt als regionale Hochburg der Partei, seit der letzten Wahl sitzt sie in Fraktionsstärke im Rathaus. Die Stadt wird daher wohl nicht so schnell zur Ruhe kommen. Schon kurz nach der Tat machte das Wort von einem zweiten Salem die Runde. Gemeint ist die schwedische Kommune, in der im Jahr 2000 der rechte Skinhead Daniel Wretström ermordet wurde. Seither findet in dem Vorort von Stockholm alljährlich im Dezember die größte regelmäßige Neonazi-Demonstration Nordeuropas statt. Eine ähnliche Entwicklung könnte auch Stolberg bevorstehen. Bereits für Ende April hatten Neonazis den dritten „Trauermarsch“ innerhalb eines Monats angekündigt  – diesmal angemeldet vom NPD-Fraktionsvorsitzenden im Stolberger Stadtrat und Kreisvorsitzenden der NPD Aachen, Willibert Kunkel. Die NPD-Kreisverbände Aachen und Düren kündigten unterdessen eine rassistische Kampagne mit dem Motto „Gegen Ausländergewalt und Inländerfeindlichkeit - Kriminelle Ausländer raus!“in der Region an.

Vorabveröffentlichung aus der Zeitschrift "Der Rechte Rand" Ausgabe 112, die ab dem 5. Mai 2008 erhältlich sein wird. Geringe Abweichungen von der Print-Fassung sind möglich.