| Sozialistische Avantgarde Voran? |
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| Donnerstag, 1. Mai 2008 | |
Nach dem Aufmarsch von rund 450 Neonazis in Stolberg am 26. April veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Zwischenruf von Richard Gebhardt.
Wie der antifaschistische Protest in Stolberg geschwächt wirdDer Aufbau einer entschiedenen antifaschistischen Gegenwehr in Stolberg stößt auf mehrere Schwierigkeiten. Zunächst - und dies ist besonders dramatisch - fehlt eine Verankerung dezidierter Kräfte vor Ort. Die wenigen Aktivisten, die sich nicht auf eine irreführend allgemeine Perspektive „gegen Radikalismus" festlegen wollen (als gäbe es in Stolberg linke Autonome, die Obdachlose anzünden, Flüchtlingsheime in Brand setzen oder Punks verprügeln!), sind schon in die vorhandenen Projekte eingebunden und leisten verdienstvolle Arbeit - für zwei. Klar ist aber: Der Versuch, die antifaschistische Arbeit nach Stolberg zu importieren, muss scheitern, sofern nicht vor Ort Strukturen aufgebaut bzw. revitalisiert werden können, die von Stolberger Bürgerinnen und Bürger getragen werden. Was aber passierte vergangenen Samstag auf der Gegendemonstration, die - spärlich, aber immerhin! - auch von Leuten aus Stolberg unterstützt wurde? Das Gegenteil! Der Veranstalter, namentlich der Aachener Ratsherr Marc Treude (SAV/Die Linke), hat nichts unternommen, um das Spektrum des organisierten Protestes zu erweitern und dabei auch unterschiedliche Strömungen zu Worte kommen zu lassen. Vielmehr wurde mit Lucy Redler ein Kader (oder sagt man: eine Kaderin?) aus Berlin eingeflogen, die in Stolberg eine schlechte, weil phantasielose, langweilige, berechenbare und gedankenarme Rede gehalten hat, die in der Form auch in Delmenhorst, Dresden oder Deppendorf hätte gehalten werden können. Glauben die Veranstalter wirklich, dass mit der ewigen Wiederkehr der angestaubten Parolen des eigenen Vereins die Leute in Stolberg beeindruckt, gar überzeugt werden? Bis auf wenige Ausnahmen fehlte der lokale Bezug komplett! Wo war der Hinweis auf die unzureichende Politik der Stadt? Auf die Defizite der Polizei? Die Kritik an einigen Lokaljournalisten, die immer noch im Kern zwei Störenfriede ausmachen: Neonazis und linke Gegendemonstranten, die als feindliche Zwillingen dem bürgerlichen Scheinfrieden entgegenstehen? Auf dem Lautsprecherwagen der Demo dominierte ausschließlich eine Fraktion: die SAV und ihr Umfeld. Der unguten Tradition folgend, jedes, aber auch wirklich jedes Thema für die Werbung zugunsten des eigenen politischen Winzlings zu nutzen, kamen andere Antifa-Gruppierungen, Parteien, Initiativen und Einzelpersonen bestenfalls als geduldete Randfiguren vor. Sieht so erfolgversprechende Bündnispolitik gegen rechts aus? Sollen die StolbergerInnen tatsächlich glauben, der antifaschistische Protest wäre von linken Sonderpositionen dominiert? Wo war zum Beispiel das „Bündnis gegen rechts" aus Düren, deren Mitglieder von eigenen Erfahrungen bei der Herstellung breiter Bündnisse hätten berichten könnten? Wo war die Eschweiler Bürgerinitiative „Gemeinsam gegen Neonazis", die beispielhaft gezeigt hat, wie vor Ort erfolgreich gearbeitet werden kann? Wo waren die SprecherInnen der traditionellen Antifa, die im Idealfall das leistet, was den Beiträgen auf dem Podest fatalerweise fehlte: der konkrete, gut recherchierte Bezug zur lokalen Situation sowie die Formulierung klarer politischer Positionen. Stattdessen gelang es den Rednern am Samstag, selbst linke Klassiker auf den Hund zu bringen: „Hinter dem Faschismus steht das Kapital" - dieser Slogan mag auf linken Demos einen gewissen Charme und (bezogen auf das Finanzkapital im deutschen Faschismus) seinen Wahrheitsgehalt haben. Eine saubere Argumentation kann diese durch inflationären Gebrauch zum Allgemeinplatz degradierte Parole aber nicht ersetzten. (Und mal ganz unter uns, liebe Kolleginnen und Kollegen: Mit Blick auf die Kameradschaft Aachener-Land glaube ich, dass selbst der knallrechte BDI bessere Abschreibungsmöglichkeiten hat, als seine sauer akkumulierte Knete diesen Figuren vorzuschießen! Aber darüber streiten wir jetzt mal nicht.) Wer am Samstag vor Ort war, hatte jedenfalls nicht den Eindruck, dass die Stolberger besonders scharf auf die Parteizeitung oder die Buttons der dominierenden SAV-Fraktion waren. Eine Fraktion übrigens, die sich vermutlich dann, wenn sich der Rauch verzogen hat, wieder anderen Kampagnen widmet. Wer aber den antifaschistischen Protest in Stolberg stärken will, fördert und stärkt zuerst die Strukturen und Aktivisten vor Ort, formuliert lokal Widerspruch und trägt Sorge für einen breit angelegten Widerstand - zur Unterstützung der Stolberger AntifaschistInnen, nicht aus Selbstzweck. Und wo wir gerade dabei sind: Angesichts des Aderlasses beim Stolberger Publikum, das sich im Verlaufe der Demo ob der länglichen Gesinnungsarien auf dem LKW-Podest immer zahlreicher aus dem Staub machte, bietet sich eine ganz neue Übersetzung des Kürzels SAV an: „Sind Alle Verschwunden"! Dass diese mutwillige Ignoranz gegenüber der konkreten Situation vor Ort und die Blockierung der „Bündnispartner" von den Rednern auf dem Wagen noch als Erfolg verkauft wurde, ist ein bizarres Beispiel für die Wirkungsmechanismen linker Autosuggestion. Eine eindeutige Antwort auf die Frage „Was tun gegen rechts?" ist: Politische Fehler wie die unsolidarische Dominanzpolitik am vergangenen Samstag zu vermeiden! Der Autor ist Herausgeber des Sammelbands „Rosen auf den Weg gestreut. Deutschland und seine Neonazis" (Köln 2007)
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