| High Life auf der „Ordensburg“: Ehemalige NS-Eliteschule wird Tourismuszentrum |
| Sonntag, 29. Juli 2007 | |
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Hoch über dem Urftstausee, rund 35 Kilometer südöstlich von Aachen, erstreckt sich die „Ordensburg Vogelsang“. Seit Jahresbeginn ist die ehemalige Eliteschule der Nazis für die Öffentlichkeit zugänglich. Durch die zivile Nutzung des Areals hofft man in der strukturschwachen Region vor allem auf die Belebung des Tourismus. Eine adäquate Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes steht derweil noch aus. Auch deshalb zieht es zunehmend Neonazis in die Eifel. Seit dem Abzug der belgischen Armee, die das Areal seit 1950 als Übungsgelände nutzte, ist das öffentliche Interesse an Vogelsang ungebrochen, das noch ein großes Provisorium ist. Von der Sonne verblichene Informationstafeln, die noch von den Belgiern aufgestellt wurden, bieten nur spärliche Informationen zur Geschichte des Ortes. Eine Einordnung und Bewertung der „Ordensburg“ in den historischen Kontext des Naziregimes fehlt derzeit noch völlig. Das vorläufige Besucherzentrum bietet zwar Führungen an, aber das Gros der Besucher erkundet das Gelände auf eigene Faust. Ein beliebtes Fotomotiv ist die überlebensgroße Fackelträgerfigur am „Sonnenwendplatz“: „Voran im Kampfe für Adolf Hitler“ endet die Inschrift am Sockel. Auf jährlich 300.000 Besucher hofft eine eigens gegründete Standortentwicklungsgesellschaft. Wer nicht mit dem PKW kommt, nimmt das Nationalpark-Shuttle, das seit Januar im Stundentakt Touristen zu der denkmalgeschützten Anlage transportiert. „Vogelsang-Adlerhof“ heißt die Endstation, benannt nach den dort aufgestellten Adlerplastiken des Kölner Bildhauers Willy Meller, neben Arno Breker und Josef Thorak der bekannteste Bildhauer der Nazis. Dass heute eine Bushaltestelle nach einer Bezeichnung der Nazis benannt wird, zeigt wie problematisch man mit der Geschichte des Ortes umgeht. Offiziell hat sich zwar die Sprachregelung vom „Standort Vogelsang“ durchgesetzt. Doch in vielen Köpfen spukt noch der Mythos der „Ordensburg“. Einst diente Vogelsang der Selbstinszenierung der NSDAP. Heute ist das Areal ein architektonisches Zeugnis des Größenwahns der Nazis. Die in den Jahren 1934 – 1941 nach Plänen des Kölner Architekten Clemens Klotz (der auch das KdF-„Seebad Prora“ entwarf) errichtete Anlage ist weithin sichtbar. Über eine Breite von 210 Metern erstreckt sich die Front des „Gemeinschafshauses“. Auf den Terrassenstufen unterhalb des ehemaligen Appellplatzes gruppieren sich ein Dutzend steinerne Wohnbaracken. Den Auftrag zum Bau erteilte der Reichsorganisationsleiter der NSDAP Robert Ley. In den „Ordensburgen“ Vogelsang, Sonthofen und Crössinsee wurde die angehende NSDAP-Elite gedrillt. Vor allem Propaganda-Themen wie „Rassenkunde“ und Geopolitik standen auf dem Lehrplan der „Ordensjunker“. Damals investierte die „Deutsche Arbeitsfront“ mehr als 34 Millionen Reichsmark in den Bau von Vogelsang. Das Projekt hatte maßgeblich Anteil daran, die Massenarbeitslosigkeit in den Eifelkreisen zu beseitigen – auf diese Weise sicherte sich das Regime die Unterstützung der katholisch geprägten Bevölkerung in der Region. Heute bestimmen in der strukturschwachen Region wieder wirtschaftliche Überlegungen das Verhältnis zu der historischen Altlast. Als sich 2002 der Abzug der Belgier abzeichnete, entbrannte in der Region eine Kontroverse darüber, ob und wie man das Areal für zivile Zwecke nutzen könnte. Die Bandbreite der Vorschläge reichte von der Nutzung als technische Hochschule bis zur Ansiedlung eines christlichen Ordens auf der „Ordensburg“. Kritiker – wie etwa der verstorbene Paul Spiegel, der für das bewusste Verfallen lassen des „Täterortes“ plädierte – waren von Beginn der Diskussion an in der Minderheit. Eine im Auftrag des Kreises Euskirchen erstellte Machbarkeitsstudie sieht Vogelsang als „Standort für Erlebnis- und Bildungstourismus mit speziellem Profil“ vor. Über Detailfragen der Nutzung wird noch gestritten. Einigkeit herrscht aber darüber, dass Vogelsang als „Schaufenster“ zum im Jahr 2004 eingerichteten Nationalpark Eifel dienen soll. Geplant ist die Ansiedlung eines Nationalpark-Zentrums, von Gastronomie und Touristenunterkünften. Es gibt sogar die Idee, die „Burgschänke“, in der schon die „Ordensjunker“ speisten, wieder als Restaurant zu nutzen. Natürlich soll es auch eine Ausstellung zur Geschichte der „Ordensburg“ geben. Unter der Prämisse der touristischen Nutzung der Anlage kann diese nicht viel mehr als ein Feigenblatt sein. Den bereits in der Architektur bedingten Charakter von Vogelsang wird man derart nicht brechen können. Im Gegenteil: Durch Events, Kaffee und Kuchen zwischen der allgegenwärtigen Nazisymbolik wird ein verklärtes Bild der Nazizeit vermittelt werden. Obwohl Vogelsang ein authentischer Ort ist, eignet er sich kaum dazu, den Schrecken und die Verbrechen des Faschismus anschaulich zu machen. Täter wurden dort ausgebildet – aber die „Ordensburg“ war kein Tatort. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den ehemaligen Konzentrationslagern. Es gab in Vogelsang keine Opfer, an die man erinnern könnte. Der Blick aus der Täterperspektive auf die Geschichte des Ortes birgt geschichtsrevisionistische Tendenzen in sich – und macht es Neonazis leicht, sich mit „ihrer Ordensburg“ zu identifizieren. NPD-Verbände und „Kameradschaften“ aus der Region organisieren längst Ausflüge in die Eifel. Solange die Neonazis sich friedlich verhielten, habe man gegen diese keine Handhabe, heißt es hilflos aus Kreisen der Besucherbetreuung. Die Entstehung eines neuen braunen Wallfahrtortes droht. Das liegt auch am offiziellen Umgang mit der Geschichte des Ortes. Aus: Der Rechte Rand Ausgabe 102 (September / Oktober 2006). Geringe Abweichungen von der Print-Fassung sind möglich.
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