"Schlageter-Treffen“ der Neonazis - Treffen zur Verherrlichung des Freikorps-Kämpfers Schlageter
Sonntag, 29. Juli 2007

Am 19. Mai fand auf dem Grundstück des Dürener NPD-Kreisvorsitzenden Ingo Haller und seiner Frau Christine (NPD-Schatzmeisterin) ein Treffen zur Verherrlichung des Freikorps-Kämpfers Albert Leo Schlageter statt. Seit Wochen war für die konspirativ geplante Veranstaltung geworben worden – via Handzetteln und Internet.


Der „Tag des Nationalen Wiederstandes [sic!]“ sollte demnach im „Raum Aachen“ stattfinden. Nach dem der Ort dieses Treffens wenige Stunden zuvor bekannt geworden war, erlebte die kleine Ortschaft Pier den wohl größten Polizeieinsatz in ihrer Geschichte. Eine Demonstration von rund 50 Antifaschisten durch das Dorf im Kreis Düren wurde von einem lockeren Polizei-Spalier begleitet. Vorneweg fuhr ein Kamerawagen. Beamte der Aachener Bereitschaftspolizei riegelten einen Teil der Ortschaft hermetisch ab.

Schlageter galt bereits der NSDAP als Märtyrer. Er nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil, beteiligte sich als Freikorpskämpfer am Kapp-Putsch und der Niederschlagung der Roten Ruhrarmee. Im Mai 1923 wurde er nach Sabotageakten gegen französische Besatzungstruppen zum Tode verurteilt und in der Nähe von Düsseldorf hingerichtet. Schon in der Zeit der Weimarer Republik begann die Verklärung Schlageters zum Märtyrer, nach dem 30. Januar 1933 folterten die Nazis in zahlreichen Städten in den berüchtigten „Schlageter-Heimen“ ihre politischen Gegner.

Unterschiedliche Strömungen der extremen Rechten im Nachkriegsdeutschland haben sich positiv auf Schlageter bezogen. In den 1960er Jahren trug der nordrhein-westfälische Landesverband des „Reichsverbandes der Soldaten e. V.“ seinen Namen, das Theorieorgan „Nation & Europa“ widmete ihm zu seinem 80. Todestag einen Artikel. Die Münchener Burschenschaft „Danubia“ geriet in die Schlagzeilen als sie im Jahr 2001 einen Vortrag über Schlageter mit dem Titel „Leben und Sterben eines deutschen Helden“ organisierte. Dessen Verherrlichung als Märtyrer ist heute jedoch vorwiegend eine Domäne des offenen Neonazismus.

Am 6. Mai 2006 haben Neonazis aus dem Rheinland in Siegburg in Fortführung dieser Traditionen einen „Schlageter-Tag“ organisiert, der nun seine Fortsetzung im Garten des Ehepaars Haller fand. Der Gastgeber, Angestellter bei einem Zeltverleih in Erftstadt-Liblar, hatte für die Veranstaltung Zelte und Pavillons aufbauen lassen. Als Organisator trat hingegen die „Kameradschaft Aachener-Land“ (KAL) auf, freilich unterstützt durch erfahrene Kader der Neonazis. „Das Treffen fand in einem Festzelt mit Verpflegung und Ausschank […] statt. Unser Dank gilt dem Gastgeber und der freien Kameradschaft Aachener-Land für die gute Vorbereitung und Organisation“, lobte Christian Malcoci, der als einer der einflussreichsten Funktionäre des deutschen Neonazismus gilt, seine Gesinnungsgenossen. Malcoci bekleidet seit 2001 zudem die Funktion des Parteisekretärs der „Nederlandse Volksunie“ (NVU). Deren Parteivorsitzender Constant Kusters trat in Pier als Redner auf, ebenso der als „Ritterkreuzträger“ verehrte Altnazi Otto Riehs und der Düsseldorfer Sven Skoda. Ralph Tegethoff, ein weiterer wichtiger Kader der „Freien Kameradschaften“ und seit 2004 Mitglied der NPD, hielt die Lobesrede auf Schlageter. Auch eine Delegation schwedischer Neonazis, die bereits einige Tage vor dem Treffen angereist war, zählte zu den Teilnehmern in Pier.

Die Szenerie im Festzelt glich am frühen Abend einem Abklatsch von NSDAP-Propaganda-Veranstaltungen: Mit Trommelwirbeln und einem Fahneneinmarsch inszenierten sich die nach Polizeiangaben etwa 100 Neonazis selbst. Von der Decke wehten schwarz-weiß-rote Fahnen, das Rednerpult war mit NPD-Plakaten ausstaffiert. Für einige Gäste war der Weg nach Pier unterdessen mit Schwierigkeiten verbunden. Bei anreisenden Neonazis, die überwiegend Schleusungspunkte an den Bahnhöfen Langerwehe und Weisweiler nutzten, wurde die Polizei fündig: Neben Teleskopschlagstöcken und Pfeffersprays wurden auch beidseitig geschliffene Messer beschlagnahmt. Gegen einen 15jährigen aus dem benachbarten Stolberg (Kreis Aachen) wurde eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz erstattet. Zur Feststellung der Identität wurde der Jung-Nazi auf die Polizeiwache verbracht. Für einen anderen Teilnehmer endete der Tag in Haft: Der 28jährige wurde per Haftbefehl gesucht.

Dass die großspurig als „bundesweites Schlageter-Treffen“ angekündigte Veranstaltung dann im Kreis Düren stattfand, verwundert kaum. Die örtliche NPD um ihren Vorsitzenden Haller hat sich zum Gravitationszentrum der Neonazi-Szene in der Aachener Region entwickelt. (vgl. DRR Nr. 104/07) Neben der KAL sind auch weitere NS-Grüppchen der Region, wie der im Februar 2006 gegründete „Sturmbund Aachen“, der Anfang diesen Jahres gegründete „Nationale Widerstand Herzogenrath“ und die seit Herbst 2006 aktive „Anti-Antifa Aachen-Düren“, eng in die Parteiarbeit im Kreis Düren eingebunden.

Und doch zeigt das „Schlageter-Treffen“ auch eine neue Entwicklung: Die Neonazi-Szene im Aachener Raum war bislang nicht sonderlich eng an das Netzwerk der „Freien Kameradschaften“(in NRW?) angebunden, sondern vorrangig auf die NPD orientiert. Dies scheint sich nun angesichts der Kooperation mit einigen der einflussreichsten nordrhein-westfälischen Neonazis geändert zu haben. Und auch die Dürener NPD hat Farbe bekannt. Als Gastgeber der Schlageter-Spektaktels hat sich Ingo Haller offen zum Neonazismus bekannt und erneut die enge Zusammenarbeit mit den „Freien Kameradschaften“ demonstriert.

Aus: Der Rechte Rand Ausgabe 17 (Juli  / August 2007). Geringe Abweichungen von der Print-Fassung sind möglich. 

 

 
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