Dokumentiert: Eröffnungsrede zur Ausstellung "Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland"
Mittwoch, 4. Juni 2008
Gestern wurde im Dürener Rathaus die Wanderausstellung "Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland" eröffnet. WIr dokumentieren an dieser Stelle die Eröffnungsrede einer Vertreterin des Dürener Bündnisses gegen Rechts. Geringe Abweichungen vom Manuskript sind möglich - es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freundinnen und Freunde,

fast auf den Tag genau vor fünfzehn Jahren, am 29. Mai 1993, ereignete sich in Solingen eines der schlimmsten rassistischen Verbrechen seit dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik. Drei jugendliche Täter aus der Neonazi-Szene steckten das Haus der Familie Genç in Brand. Die neunjährige Hülya Genç, die zwölfjährige Gülüstan Öztürk und die 18jährige Hatice Genç starben in den Flammen. Gürsün İnce und die vierjährige Saime Genç erlagen später ihren Verletzungen, nachdem sie sich durch einen Sprung aus dem Fenster retten wollten. Weitere Angehörige der Familie wurden bei dem Anschlag schwer verletzt. Die abscheuliche Tat ging als „Mordanschlag von Solingen“ in die Geschichte ein. Wenige Tage zuvor war der so genannte „Asylkompromiss“, der faktisch die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl bedeutete, vom Bundestag beschlossen worden. In der öffentlichen Debatte um das Asylrecht heizten Politiker der so genannten demokratischen Mitte mit Losungen wie „Das Boot ist voll“ die Stimmung an. Die geschürten Ressentiments entluden sich in einer Welle rassistischer Gewalt, für die neben der Stadt Solingen vor allem die Namen Hoyerswerda, Rostock und Mölln als Symbole stehen.

Mehr als 130 Menschen sind seit dem Jahr 1990 Opfer rechter Gewalt geworden. Sie wurden erschlagen, erschossen, erdrosselt oder verbrannt. Sie wurden ermordet, weil die Täter ihren Opfern – Migranten, Homosexuelle, Linke und Obdachlose – das Recht auf Leben absprachen. Viele dieser Menschen sind in Vergessenheit geraten. Sie haben im bundesrepublikanischen Gedächtnis keinen oder nur wenig Platz gefunden. Die Künstlerin Rebecca Forner, die heute im spanischen Bilbao lebt, gibt mit ihrer Wanderausstellung „Opfer rechter Gewalt in Deutschland seit 1990“ den Toten ihre Identität zurück. Sie ruft die Namen der Ermordeten ins Gedächtnis und gibt einigen der Opfer ein Gesicht.

Wir wollen heute jedoch nicht alleine um die Toten trauern, sondern auch dafür Sorge tragen, in Zukunft keine weiteren Opfer rechter Gewalt zuzulassen. Es ist besonders abscheulich, wenn neonazistische Kräfte von staatlichen Stellen weitgehend unbehelligt zum Rassenhass aufstacheln und zur Hatz auf Andersdenkende aufrufen können. Auch in unserer Region und insbesondere in Stadt und Kreis Düren erleben wir seit etwa zweieinhalb Jahren, wie Neonazis etwa von der NPD, verstärkt in der Öffentlichkeit auftreten. Wir wollen es nicht akzeptieren, wie diese Gruppen mit ihrer Propaganda den Grundstein für neue Verbrechen legen. Auch in Düren ist es in den vergangenen Jahren mehrfach zu Angriffen durch Neonazis gekommen, bei denen glücklicherweise niemand schwer verletzt oder gar getötet wurde. Dennoch: Mit jedem öffentlichen Auftritt, mit jedem verteilten Flugblatt wird neuer Hass gesät. Wir wollen uns deshalb den rassistischen Hasspredigern überall dort in den Weg stellen, wo sie auftreten.

Und wir erwarten von der etablierten Politik, dass sie in der Debatte um Themen wie Migration oder Islam Zurückhaltung übt und auf das Spiel mit Ressentiments verzichtet, um nicht weiteres Wasser auf die Mühlen der Rassisten zu gießen.

Die Macherin der Ausstellung sagte in einem Interview – ich zitiere - : „Ich bin ganz klar davon überzeugt, dass ich helfen muss, wenn jemand angegriffen wird. Ich weiß aber auch, dass ich in einer solchen Situation Angst haben werde. Wenn ich eingreife, laufe ich selbst Gefahr, angegriffen zu werden. Wenn ich aber nicht eingreife, mache ich mich zur Mittäterin.“ Diese Haltung sollten wir uns für unser Handeln im Alltag zur Maxime machen: Nicht wegzusehen bei rechter Gewalt, sondern Angegriffenen beizustehen und Solidarität mit den Opfern zu üben.

Ich bitte die Anwesenden um eine Schweigeminute zum Gedenken an die Ermordeten.

Die Ausstellung ist hiermit eröffnet. Ich dank Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 
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