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Brauner Westen: Neonazi-Szene in der Region Düren Drucken
Sonntag, 29. Juli 2007
„Eines sei gleich am Anfang und in aller Deutlichkeit gesagt: Der Kreis Düren ist keine Hochburg rechtsradikaler Kräfte.“ Mit diesen Worten versuchte Landrat Wolfgang Spelthahn (CDU) im November des vergangenen Jahres die Wogen zu glätten.

Im Herbst hatte in Düren eine intensive Debatte über die Aktivitäten neonazistischer Gruppen im Kreisgebiet eingesetzt, nachdem über Jahre die Warnungen örtlicher Antifaschisten ignoriert worden waren. Unmittelbarer Auslöser war eine Demonstration im Oktober von rund 200 Menschen gegen ein so genanntes „Erntedankfest“ von NPD und „Kameradschaft Aachener-Land“ (KAL) im „Gütershop“ in der Dürener Innenstadt. Die Gaststätte in der Arnoldsweilerstraße, deren Wirtin der NPD nahe stehen soll, ist zu einem wichtigen Treffpunkt der regionalen Neonazi-Szene geworden. Neben „Stammtischen“ haben zwischen Juli und September 2006 haben dort mindestens drei größere Veranstaltungen von NPD und/oder der KAL mit bis zu 120 Teilnehmern stattgefunden, die zum Teil auch aus dem benachbarten Ausland und anderen Regionen NRWs angereist waren.

Ein für November 2006 angekündigter „Gala-Ball“ der Dürener NPD konnte hingegen aufgrund der antifaschistischen Intervention nicht wie geplant im „Gütershop“ stattfinden. Das Ordnungsamt verweigerte erstmal die Erteilung einer Schankgenehmigung für den Hof der Gaststätte. Die Partei wich an einen unbekannten Ort aus, an der Veranstaltung sollen angeblich rund 200 Personen teilgenommen haben. Im Spätsommer und Herbst des vergangenen Jahres traten Neonazis im Kreis Düren teilweise im Wochentakt öffentlich auf – mit Infoständen, einem „Heldengedenken“ auf dem Soldatenfriedhof in Hürtgenwald-Vossenack oder dem Versuch, eine Vortragsveranstaltung über die regionale Neonazi-Szene in der Dürener Christuskirche zu stören. Ingesamt haben seit März 2005 mindestens zwölf Veranstaltungen in Düren oder der weiteren Umgebung stattgefunden, darunter auch drei Rechtsrock-Konzerte.

Bislang lag das Zentrum neonazistischer Aktivitäten in der Region in Stolberg (Kreis Aachen). In der Kupferstadt sitzt seit der Kommunalwahl 2004 eine NPD-Fraktion im Rathaus – die einzige in einem nordrhein-westfälischen Kommunalparlament. Der Fraktionsvorsitzende Willibert Kunkel (Jahrgang 1950) ist einer der zentralen Strippenzieher der Neonazi-Szene im Aachener Raum. Im Jahr 1999 war er erstmals in den Stolberger Stadtrat eingezogen, damals noch auf dem Ticket der DVU. Anfang des Jahres 2002 überwarf er sich mit dem Münchener Partei-Patriarchen Frey an der Frage über die Teilnahme an einer Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung in Bielefeld. Daraufhin wechselte Kunkel samt Teilen der örtlichen DVU die Partei. Wenige Monate später wurde er Kreisvorsitzender der Aachener NPD. Seit April 2004 gehört er dem nordrhein-westfälischen Landesvorstand an. Der Multifunktionär Kunkel reorganisierte die noch um das Jahr 2000 herum  weitgehend brach liegende braune Szene im Aachener Raum. Seither haben die Aktivitäten der NPD in der Region stetig zugenommen.

Bereits im Frühjahr 2001 bildete sich aus dem Umfeld des Aachener NPD-Kreisverbandes die „Kameradschaft Aachener-Land“. Der im Februar 2003 verstorbene ehemalige „Bundesführer“ der Wiking Jugend Wolfgang Nahrath aus Stolberg-Büsbach stand Pate bei der Gründung. Noch heute bezieht sich die KAL positiv auf die seit Mitte der 1990er Jahre verbotenen Organisationen Wiking Jugend und FAP. Seit ihrer Gründung ist die KAL eng mit der NPD verwoben, u.a. durch Doppelmitgliedschaften. Der „Kameradschaftsführer“ Rene Laube (Jahrgang 1980) aus Langerwehe im Kreis Düren ist etwa gleichzeitig stellvertretender Kreisvorsitzender des NPD-Kreisverbandes Aachen und gehört zudem dem Vorstand des Dürener NPD-Ortsverbandes an. Vor allem in Wahlkampfzeiten unterstützte die KAL die NPD massiv. Im Sommer 2005 kam der Bruch zwischen der KAL und Kunkel: Im Internet verkündete die Gruppe, man lasse sich „nicht mehr vom […] Kreisverband Aachen verarschen“ und erklärte die Zusammenarbeit für beendet. Der Kreisvorsitzende Kunkel wird inzwischen in Internetforen von KAL-Anhängern als „Spinner“ tituliert.

Seither verlegt die KAL ihre Aktivitäten zunehmend in den Dürener Raum und arbeitet dort eng mit der örtlichen NPD zusammen. Kader der KAL leben ohnehin im Kreisgebiet, neben Laube etwa auch die beiden Dürener Brüder Karsten und Michael Büttgen. Der NPD-Ortsverband Düren wurde im Februar 2006 gegründet und wird bislang vom Kreisverband Aachen betreut. Vorsitzender ist Ingo Haller aus Inden-Pier. Der Zeltrichtmeister, der erstmals bei der Landtagswahl 2005 öffentlich für die Partei in Erscheinung trat, möchte sich aus dem Schatten des Stolbergers Kunkel lösen und einen eigenständigen Kreisverband gründen. Haller hat für die Zukunft weitere Veranstaltungen in Düren angekündigt.

Aber auch der Gegenwind gegen neonazistische Aktivitäten im Kreis Düren wird stärker. Für Januar haben Vertreter von Gewerkschaften, Kirchen, Parteien und antifaschistische Initiativen die Gründung eines Bündnisses gegen Rechts angekündigt. Und für die Betreiber des „Gütershops“ wird die Luft dünner: Zunächst Unbekannte hatten die komplette Außenwerbung der Gaststätte abmontiert – im Auftrag einer Brauerei, wie die NPD später mitteilte.  

Aus: Der Rechte Rand Ausgabe 104 (Januar / Februar 2007). Geringe Abweichungen von der Print-Fassung sind möglich.